allein dein bestimmer-moment

ALLTAGSGESCHICHTE Der KiTa-Vormittag war für dich ziemlich anstrengend, da bin ich mir sicher. Du hast viel gespielt, hattest Spaß, hast Neues gelernt und wahrscheinlich auch den ein oder anderen kleinen Konflikt ausgehalten. Du hast dich in der KiTa ziemlich angepasst verhalten und vor allem auch die Lautstärke der Gruppe ertragen. Manchmal warst du aber auch selbst ganz schön laut, hast Quatsch gemacht und dich mit deiner Freundin totgelacht. Mal durftest du vielleicht der Bestimmter sein, mal ein anderes Kind. Als du mit mir den Gruppenraum verlässt und wir in der Garderobe stehen, möchtest du mir noch so viele Dinge zeigen und erzählen. Du quatscht wie ein Wasserfall, erzählst kleine Einzelheiten deines Vormittages. Dich anzuziehen und schnellstmöglich nach Hause zu kommen ist für dich nicht unbedingt angesagt. Gerne höre ich dir zu, gerne schaue ich mir an, was du mir zeigen möchtest. Als die Tür der KiTa dann irgendwann hinter uns zufällt, möchtest du getragen werden. Du bist doch ganz schön erschöpft und möchtest Kraft tanken. Ich trage dich auf meinen Schultern. Nun sitzen wir an der Bushaltestelle und warten auf den Bus und ich merke, dass du diesen Moment brauchst. Diesen Moment, diese Zeit, in der du ganz allein entscheiden darfst. Nach diesem Vormittag inmitten so vieler Kinder, so vieler Regeln und so vieler Erlebnisse, darfst du jetzt der alleinige Bestimmer sein. Ja, ja und nochmal Ja. Du darfst. Du bestimmst. Du entscheidest!

Astrid Lindgren hatte so Recht. Und sie hat es immer noch.

>>Nein, es ist nicht leicht, Kind zu sein! Es ist schwer, ungeheuer schwer. Was bedeutet es denn – Kind zu sein. Es bedeutet, dass man ins Bett gehen, aufstehen, sich anziehen, essen, Zähne und Nase putzen muss, wenn es den Großen passt, nicht wenn man selbst es möchte. Es bedeutet, dass man Knäckebrot essen muss, wenn man viel lieber eine Scheibe vom frischen Brot hätte, und dass man ohne mit der Wimper zu zucken in den Milchladen rennen muss, um eine Marke für den Gasautomaten zu holen, obwohl man sich’s gerade mit einem dicken Buch gemütlich gemacht hat. Es bedeutet ferner, dass man ohne zu klagen die ganz persönlichen Ansichten jedes x-beliebigen Erwachsenen über sein Aussehen, seinen Gesundheitszustand, seine Kleidungsstücke und Zukunftsaussichten anhören muss. Ich habe mich oft gefragt, was passieren würde, wenn man anfinge, die Großen in dieser Art zu behandeln.<< [Leserbrief von Astrid Lindgren in „Die Revolte der Jugend“ von 1939]