unerzogen im discounter

haushalt2Gestern war ich mit unserem Mini-Menschen-Mädchen mal wieder im Discounter. Frieda pflückte sich vor dem Losgehen noch schnell ihren Kinderrucksack vom Schreibtischhaken und warf ein paar nützliche Lego-Männchen hinein. Man weiß ja nie, was einen im Supermarkt so erwartet. Kann man vielleicht noch gebrauchen. Unser Mädchen liebt es bei Penny zu „shoppen“ und 100.000 Dinge landen nach und nach in unserem Einkaufskorb. Sie ist also zu Fuß unterwegs und sitzt weder im Einkaufs- noch im Kinderwagen. Ja, manchmal machen wir das. An diesen Tagen habe ich aber auch wirklich die Lust, Zeit und die Geduld mit ihr den Supermarkt unsicher zu machen. Dass das nämlich sonst auch schnell in einem Disaster enden könnte, brauche ich euch ja wohl nicht zu erzählen. Gut, wir sind unterwegs und ich bin fast ausschließlich damit beschäftigt all‘ die Lebens- oder Putzmittel, die wir eigentlich nicht brauchen, wieder zurück in die Regale zu stellen. Ich kann Frieda aber meistens auch schon schön ins Einkaufen einbinden und ihr die Sachen angeben, die wir wirklich benötigen. Bisher ist für Frieda eben nur das Einpacken wichtig und es gibt keine großen Diskussionen, es dauert einfach nur sehr lange. An der Kasse dann der kritische Augenblick. Ich manövriere die Einkäufe in unsere Beutel, muss bezahlen und Frieda wartet bestensfalls. Nein, nicht nur bestenfalls. Sie wartet. Sie läuft nicht einfach weg oder raus, sondern sie wartet. Der junge Kassierer fragte mich am Ende des Vorgangs, ob dieses Kind immer so ruhig und brav sei.
Das ist mir nicht zum ersten Mal passiert. Andere EInkaufssituationen sind bis jetzt ähnlich entspannt. Auch die Kassiererinnen im Drogeriemarkt des Vertrauens sind immer wieder aufs Neue begeistert von unserem Mini-Menschen-Mädchen, weil sie bereitwillig und gerne die Sachen zum Scannen und Bezahlen abgibt und nicht (wie wohl viele andere Menschenkinder) anfängt zu weinen. Auch nicht, wenn es mal wieder länger dauert. Klar, Frieda ist mit ihren 18 Monaten noch recht jung und viele von euch werden nun sagen, dass die richtigen Vulkanausbrüche und der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung mit Sicherheit noch kommen werden. Das kann natürlich alles sehr wohl sein und ich bin auch die Letzte, die sich ihnen grundsätzlich nicht gewachsen fühlt und versucht es zu umschiffen. Ich glaube aber auch, dass die echten, schlimmen, verschrieenen und heiß diskutierten Wutausbrüche der sogenannten Trotzphase nicht zwangsläufig bei jedem Kind kommen müssen. Jedes Kind ist ja nunmal anders und die Basis macht sowieso die Lotterie der Gene, glaube ich. Aber mit der Idee von einer bedürfnis- und bindungsorientierten neulich2Beziehung, unglaublich viel spürbarer und wahrer Liebe, Schutz, emotionaler Begleitung, wichtigen Worten und Erklärungen, Vertrauen und viel Zeit und Raum für selbstbestimmte Entscheidungen, sind Vulkanausbrüche meiner Meinung nach seltener und weniger feurig. Auch wenn der Vergleich von Hunden und Kindern natürlich so ziemlich hinkt, muss ich wirklich ganz oft an unsere weltbeste Hundetrainerin Ulrike von justdog denken. Erwähnt habe ich sie vor einiger Zeit schon einmal, nämlich in dem Artikel: „nicht in diesem ton, mein frolleinchen!“ Damals ging es darum, dass ich alle Tätigkeiten bei Hund und Kind ankündige und dann sprachlich begleite. Werfe ich also heute einen Blick auf die im Alltag so oft erwünschte Kooperationsbereitschaft meines Mini-Menschen-Mädchens, muss ich an Ulrike und die Impulskontrolle des Hundes denken. Die Impulskontrolle beim Hund ist, so sagt sie immer, nämlich kein endloses Gut und per se vorhanden, sondern muss immer wieder „aufgetankt“ werden. Die Kooperationsbereitschaft eines Kindes ist ja ebenso nicht einfach so da, sondern wird „verbraucht“, je mehr und öfter ein Kind kooperieren muss. Wenn ein Kind dann nur sehr wenig selbst entscheiden und über sich selbst bestimmen darf, oft kooperieren oder sogar funktionieren muss, dann ist die Bereitschaft doch irgendwann auch mal aufgebraucht und das Fass läuft über, der Vulkan bricht aus. Klingt für mich total logisch.
Wenn wir also nun bedenken, wie oft und wieviel so ein kleines Wesen den ganzen lieben langen Tag mit uns oder anderen Menschen in der Tagespflege, im Kindergarten oder in der Schule das tun muss, was die Erwachsenen so wollen oder müssen, dann kommen wir doch ganz schnell nur zu dem einen Schluss: So oft es unser Alltag, die Zeit, unsere Konstitution und unser Seelenhaushalt zulässt, sollte der kleine Mensch über sich selbst bestimmen dürfen. Er entscheidet wie lange wir im Hausflur sitzen und auf den Stufen ein Picknick machen. Er probiert 20 Minuten lang den Schlüssel ins Fahrradschloss zu stecken und ich warte einfach oder biete Unterstützung an. Er entscheidet, was wir spielen, was wir malen, was wir hören. Er entscheidet, wann er und auch was isst neulich1oder trinkt, ob es die blaue oder rote Hose anzieht und auch mal, ob wir an der Straße links oder rechts herum gehen. Ich bin mir inzwischen ziemlich sicher, dass ein Kind, das zahlreiche Möglichkeiten hat selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen, auch öfter und lieber kooperiert! Neben den ganzen bedürfnis- und beziehungsorientierten Ideen und Vorstellungen, die wir mit unserer Frieda zu leben versuchen, probieren wir auch mehr und mehr die Ansätze des „unerzogen“ aus. Es gelingt uns sicherlich noch nicht immer und wir haben auch immer viele Kacktage (!!!), an denen gar nichts klappen will, aber der Weg ist nunmal das Ziel und der erste Schritt ist immer die Reflexion unseres Verhaltens und unserer Gefühle. Wir lernen und wachsen alle aneinander, miteinander und füreinander.

Von ganzem Herzen möchte ich euch jetzt noch eine wirklich tolle Seite empfehlen, falls euch tatsächlich auch die „unerzogen“-Thematik einlesen wollt. Auf Elternmorphose schreibt Aida S. de Rodriguez über Beziehung statt Erziehung und gibt unglaublich viel tollen Input, wie man sich von alten Erziehungsmustern verabschiedet und in liebevoller Beziehung mit seinem Mini-Menschen-Kind lebt. Ihre Ideen und Vorschläge zum „unerzogen“ sind totale Inspirationen für mich. Falls ihr bei Facebook aktiv seid, lasst ihrer Facebookseite „Elternmorphose“ doch auch ein „Like“ da und ihr bekommt ihre neusten Artikel in eure Timeline. Ich bin jedenfalls ganz begeistert.

1 Comment

  • Das liest sich so schön! Da freue ich mich richtig darauf, wenn Muckmuck soweit ist
    Ich finde es toll Kindern soviel Freiheit und Entscheidungsspielraum zu lassen.

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