sind Einzelkinder unsozialer?

ALLTAGSGESCHICHTE Unsere Frieda wächst als Einzelkind auf. Einzelkinder haben ja immer noch nicht den allerbesten Ruf in unserer Gesellschaft. Obwohl sich unsere gesellschaftlichen Strukturen rund um Familie und Beruf grundsätzlich so geändert haben, dass es viel mehr Familien mit nur einem Kind gibt, eilt diesen Kids oft voraus, dass sie unsozial, egozentrisch und sowieso total verwöhnt seien. Ist es wirklich so dass Kinder, die nicht mit Geschwistern aufwachsen, zu kleinen Egomanen mutieren, auf dem Spielplatz ständig in Streit geraten und ausrasten, wenn Mama oder Papa ihnen mal einen Spielzeugwunsch abschlägt? In diesem Beitrag möchte ich ein kleines bißchen mit diesen altmodischen Gedanken aufräumen und doch auch Aspekte beleuchten, die möglicherweise sogar auch stimmen könnten. Außerdem bin ich sehr gespannt, welche Gedanken ihr dazu so habt.

Einzelkinder früher und heute

Ich habe mich da mal etwas eingelesen. Wusstet ihr, dass Einzelkinder lange Zeit als problematisch galten, weil sie früher wirklich aus dem gesellschaftlichen Raster fielen? Kinder ohne Geschwister stammten um 1900 herum eigentlich immer aus eher schwierigen Verhältnissen. Es waren oft uneheliche Kinder, Waisen oder Kinder von Eltern, die psychisch so labil waren, dass sie sich nicht um ihren Nachwuchs kümmerten oder kümmern konnten. Einzelkind zu sein war also ein Garant dafür, dass in der Eltern-Kind-Beziehung von Anfang an etwas Entscheidendes schief gegangen sein muss und die Entwicklung des Kindes dadurch irgendwie gestört war. Die Zeiten sind aber ja vorbei. Heute entscheiden sich Paare viel später dazu eine Familie zu gründen. Frau und Mann streben beide (fast) gleichermaßen an, erst einmal beruflich mit beiden Beinen im Leben zu stehen und sich dann der Familienplanung zu widmen. Da das so seine Zeit dauert, sind die Paare dann oft über 30 Jahre alt. Während für manche dann rasch die „biologische Uhr“ tickt und es vielleicht bei einem unerfüllten weiteren Kinderwunsch bleibt, entscheiden sich andere bewusst für ein Einzelkind. Das kann natürlich viele verschiedene Gründe haben. Klar ist aber, dass Einzelkinder heutzutage nicht per se aus gescheiterten Beziehungen stammen und natürlich alles andere als automatisch problematisch seien müssen. Auch wenn Kinder sich wohl immer die intakte Kernfamilie mit Mama und Papa wünschen würden, ist alleinerziehend zum Glück heute kein Kriterium mehr für bindungsgestörte Kinder. Und genauso ist ein Einzelkind eben kein sicheres Zeichen mehr für ein problematisches Wesen mit unliebsamen Eigenschaften.

Eigenschaften der Einzelkinder

Einzelkinder wachsen in unserer heutigen Zeit im Grunde genauso auf wie Geschwisterkinder, nur eben ohne Geschwister. Allein das Einzelkind-Dasein ist also heutzutage kein Beweis mehr für die These, dass Einzelkinder grundsätzlich unsozial, egozentrisch und sowieso total verwöhnt seien. Jedes Kind bringt von sich aus etwaige Veranlagungen mit, die sich dann mit unserer elterlichen Begleitung entwickeln können – unweigerlich entwickeln werden. Eben in diese oder jene Richtung. Unabhängig von Geschwisterkindern. Und ganz manchmal fragt man sich als Eltern dann sogar „Woher es das bloß hat…?“ und kann so gar keine Verknüpfung zu sich selbst, dem anderen Elternteil und/oder dem bloßen Vorleben herstellen. Auch das ist ja möglich. Ob ein Kind eher intro- oder extrovertiert durch die Welt geht, ist also nicht unser erzieherisches Können geschuldet oder verdankt, sondern viel mehr mit in die Welt gebracht. Wie so oft ist dann nur noch die Frage ist, was die Familie gemeinsam draus macht. Klar, Einzelkinder müssen sich innerhalb der Kernfamilie viel weniger mit anderen Kindern auseinandersetzen. Die meisten von ihnen spielen, rein zeitlich gesehen, weniger Stunden am Tag mit anderen Kids. Sie müssen bestimmt weniger lange auf ihre Bedürfniserfüllung warten, stehen zu Hause ziemlich sicher etwas seltener vor Interessenskonflikten und finden folglich seltener schöne Kompromisse mit anderen Kids. Sie haben deutlich mehr Exklusivzeit mit den Eltern und gelten vielleicht deshalb als verwöhnter? Ja, es stimmt. Es dreht sich tatsächlich ziemlich viel um dieses Einzelkind und unsere Frieda tut sich gerade sehr schwer damit sich auch mal 15 Minuten alleine zu beschäftigen. Damit ein Mini-Menschen-Kind aber so richtig egozentrisch-unsozial wird, müsste aber meiner Meinung nach so einiges zusätzlich schief laufen. Und ich möchte mal behaupten, dass auch unerzogene Einzelkinder (damit sind die Familien gemeint, die Grundsätze der Idee „Unerzogen“ leben), die zudem komplett kitafrei aufwachsen, auch weder unsozial noch egozentrisch werden. Jawoll! Und das mit dem Verwöhnen… Verwöhnen kann man ein Kind sowieso ja nur dann, wenn ihm alle (vor allem materielle) Wünsche von den Lippen abgelesen werden und nicht bereits in der Säuglingszeit, in der es um Bedürfnisse geht. Das mit dem schlechten Ruf der Einzelkinder sollte sich in unserer heutigen Zeit also echt mal erledigt haben, oder?

Wo sind die Einzelkind-Eltern? Wie ist das bei euch? Oder kennt ihr Einzelkinder anderer Familien, die ihr für unsozial, egozentrisch und verwöhnt haltet? Woran macht ihr das dann fest?

2 Comments

  • Bei uns sind es auch 3 Kinder, ich wollte schon immer mehr als ein Kind. Aber die Vorurteile sind echt blödsinn.Einzelkinder sind genau so wie andere kinder auch. Also unser jüngster zB teilt gar nicht gerne mit anderen kindern, wahrscheinlich weil er die Erfahrung gemacht hat, dass er ständig von den großen Geschwister zeug weg genommen bekommt. Also auch Kinder mit mehreren Geschwistern sind nicht perfekt 😉

  • Hallo, unsere Tochter Frieda ist ein „Fast-Einzelkind“. Sie hat drei große Halbgeschwister, die sie aber nur 1x im Monat sieht für 1-2 Tage. Sie genießt also viel Aufmerksamkeit. Trotzdem teilt sie gerne mit anderen, schreit in der Kaufhalle nicht rum, wenn ich einen Wunsch ablehne. Wir harmonisieren einfach gut zusammen. Für Frieda ist es toll, das Sie meine ungeteilte Liebe bekommt. Sie ist dadurch sehr selbstsicher und traut sich viel zu. Frieda wird jetzt 4 und ist wahnsinnig kreativ und kann Stunden in ihrem „kleinen Büro“ verbringen. Ich habe die Möglichkeit sie darin zu fördern, ihr Anregungen zu geben, ich kann mich halt auf sie konzentrieren. Ein großer Vorteil. Wir fahren viel on den Urlaub, auch ein finanzieller Vorteil mit einem Kind.
    Ich kann die Vorurteile nicht unterstützen. Frieda liebt die Kita und am liebsten würde sie täglich Freunde einladen. Sie ist wahnsinnig emphatisch, quirlig und lustig. Sie stellt sich nie in Konkurrenz, das kennt sie halt auch nicht. Sie kann gut verlieren und probiert es einfach nochmal.
    Ich bereue meine Entscheidung auf keinen Fall, das Frieda Einzelkind bleibt. Die Vorzüge genießen wir einfach zu sehr!!!

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