die sogenannten „gute manieren“

ALLTAGSGESCHICHTE Wie jeden Morgen fahren Frieda und ich mit dem Bus zur KiTa und Schule. Es sind nur 4 Haltestellen, aber der Bus ist proppenvoll und wir quetschen uns irgendwie rein. Dort stehen wir dann (besser gesagt ich) mit meinem dicken Schulrucksack, an zwei Tagen noch mit zusätzlichem Schwimmzeug, dem KiTa-Rucksack und einem fast 4-jährigen Mädchen, das gerne auf dem Arm gehalten werden möchte. Inmitten dieser ganzen fremden Leuten erfülle ich unserer Frieda dieses Bedürfnis nach Nähe sehr gerne, allerdings unter Einsatz meiner gesamten Kräfte. Sie ist einfach schon ganz schön schwer geworden. In den seltesten Fällen bietet uns jemand einen Sitzplatz an und ganz oft frage ich mich, ob es sowas wie Rücksichtnahme, Höflichkeit und diese sogenannten „guten Manieren“ noch gibt und geben sollte oder ob einiges davon längst überholt ist. Das frage ich mich nicht, weil ich glaube im Bus ein Anrecht auf einen Sitzplatz zu haben, sondern weil ich Mama bin und natürlich immer wieder darüber nachdenke, was ich unserer Tochter alles mit auf den Weg geben möchte und ob ich mir wünschen würde, dass sie in 10 Jahren für Mütter mit Kind ihren Sitzplatz frei macht.

„Bitte“, „Danke“, „Entschuldigung“ und Co

In „Wie heißt das Zauberwort?“ habe vor ein paar Monaten bereits aufgeschrieben, wie das bei uns so mit dem „Bitte“ und „Danke“ läuft. Das hat sich bei uns auch nicht geändert. Wir fordern es von unserer Frieda nicht ein, sondern leben es ihr vor. Ich würde mal behaupten dass wir innerhalb unserer kleinen Familie grundsätzlich sehr freundlich miteinander umgehen (abgesehen vielleicht von Situationen, in denen hier auch mal die Fetzen fliegen und Wut ihren Raum haben darf…). Wir sind uns sicher, dass Frieda unseren freundlichen, achtsamen und respektvollen Umgang irgendwann einmal einfach von uns übernehmen wird. Dann, wenn die Zeit für sie und ihr introvertiertes Wesen reif ist. Das gleiche gilt für etwaige Tischmanieren. Hier muss auf jeden Fall kein Kind am Tisch sitzen bleiben bis die Eltern aufgegessen haben. Bei einem ausgiebigen Sonntagsfrühstück kann das nämlich auch gerne mal dauern. Ganz schlimm finde ich persönlich, wenn Kinder zum „Entschuldigung sagen“ gezwungen werden, damit sie sich wieder vertragen. Das höre ich nämlich immer wieder und es wird auch von vielen Pädagogen in Schulen und Kindergärten praktiziert. Klar, so ist der Konflikt schnell erledigt – vermeintlich natürlich. Davon abgesehen, dass man sich ja ohnehin nicht selbst entschuldigen, sondern höchstens um eine Entschuldigung bitten kann, ist eine von außen aufgezwungene Entschuldigung dann alles andere als aufrichtig und ehrlich. Weil wir in unserer Familie sehr bedürfnisorientiert miteinander umgehen und Gefühle sein dürfen, darf Wut oder Traurigkeit bei uns eben auch mal länger anhalten, so dass man sich unter Umständen nicht immer sofort wieder versöhnen möchte. Mal Hand aufs Herz: Das kennen wir Erwachsenen doch auch von Streitigkeiten mit dem Partner. Manchmal ist man so sauer, dass man auch gerne mal einen Vormittag lang nicht miteinander sprechen möchte. Wie kann ich das denn dann von Kindern verlangen? Höflichkeit? – Bei uns definitiv nicht um jeden Preis!

Höflichkeit und Rücksichtnahme

Aber kommen wir mal zurück zu unserer Situation morgens im Bus. Ich bin definitiv nicht der Meinung, dass Kinder grundsätzlich älteren Menschen gegenüber respektvoll sein müssen, nur weil sie ein paar Jahre mehr auf dem Buckel und vielleicht schon so einiges durchgemacht haben. Die Zeiten, dass Kinder vor alten Leuten einen Knicks machten und sofort für sie aufsprangen, sind zum Glück vorbei. Egal welchen Alters, muss man sich Respekt zwar auch nicht verdienen, aber er sollte auf jeden Fall immer auf Gegenseitigkeit beruhen. Alt und Jung sollten sich stets auf Augenhöhe begegnen und immer persönliche Grenzen des anderen wahren. Das sagt uns nicht unser Alter, sondern unser Menschsein. Dieser wundervolle Umbruch in unserer Gesellschaft fällt so manchem Senior verständlicher Weise noch etwas schwer, aber es tut sich was. Fakt ist: Nicht weil man älter ist, darf man über Jüngere bestimmen. Rücksichtsvoll zu sein gehört für mich zur Menschenliebe und zeigt ein aufrichtiges Interesse am Gegenüber. Man muss sich gedanklich in andere Menschen hineinversetzen können und sensibel für ihre Gefühle sein. Das fällt vielen Leuten wahrlich schwer. Ich selbst biete allen Personen egal welchen Alters, deren Umstände gerade komplizierter als meine eigenen sind, gerne meinen Sitzplatz im Bus an und frage, ob ich beim Ein- oder Aussteigen helfen darf. Rücksichtsvoll, höflich und hilfsbereit zu sein macht das Leben leichter und wenn es auf Gegenseitigkeit beruht auch noch glücklich. Und ich wünsche mir natürlich, dass wir unserer Frieda das auch mit auf den Weg geben können.

Wie wichtig sind in eurer Familie Höflichkeit, Rücksichtnahme und die „guten Manieren“? Was müssen Kinder lernen und was davon ist deiner Meinung nach längst überholt? Und was ist nun mit dem Sitzplatz im Bus? Für wen machst du ihn frei?

1 Comment

  • Hallo ihr Lieben,
    dass kommt mir sehr bekannt vor. Die Situation mit dem „Zauberwort“ hatte ich vor einiger Zeit mit unserer Tochter auch. Wir standen an der Wursttheke im Supermarkt und es gab die obligatorische Scheibe Wurst fürs Kind. Die Verkäuferin stellte auch prompt die große Frage: „Und? Wie heißt das Zauberwort?“ Da rutscht mir doch direkt ein „HokusPokus“ über die Lippen. Der Gesichtsausdruck der Verkäuferin = unbezahlar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.