100 x nein in der ja-umgebung

ALLTAGSGESCHICHTE Ich bin ja ein totaler Fan einer Ja-Umgebung für Babys und Kinder und wir leben sie mit unserer Frieda von Anfang an. Diese Ja-Umgebung gehört für mich irgendwie zu einem bindungs- und bedürfnisorientierten Familienleben einfach dazu. Da wir immer schon eher sehr minimalistisch eingerichtet waren, hatten wir damals, als Frieda langsam mobil wurde, nicht so wahnsinnig viel bei uns zu Hause zu verändern. Mit nur wenigen Handgriffen schufen wir eine Umgebung, in der unser kleines Mädchen forschen und ausprobieren konnte ohne kontrolliert zu werden und ohne, dass wir sie ständig einschränken oder ihr ein „Nein“ entgegnen mussten. Das Wort „Nein“ wollte ich am Anfang sowieso am liebsten nur äußerst selten aussprechen und auch jetzt ist es eines der Wörter, die ich im Familienleben sehr gerne vermeide. „Nein“ klingt für mich nach einem unverrückbaren Machtgefälle und nach Endgültigkeit. Es klingt nach: „Nein heißt Nein und bleibt Nein!“. Dabei möchte ich meiner Tochter ja wertschätzend und auf Augenhöhe begegnen. Grenzen sind eher meine ganz persönlichen. Ich möchte ihr meine Sicht auf die Dinge erklären und auch ihre Argumente oder Ideen dazu hören und ihr nicht einfach Dinge verbieten, weil sie lästig und umständlich sind oder weil irgendetwas kaputtgehen könnte. Von einem „Nein“ als Gefahrvermeidung natürlich mal abgesehen, ist ein ablehnendes oder verbietendes „Nein“ aus unserem Wortschatz so gut wie gestrichen.

ein „nein“ muss sie aber auch lernen

Unser Mini-Menschen-Mädchen konnte also immer schon sehr selbstbestimmt in unseren vier Wänden unterwegs sein und ohne viele „Neins“ explorieren. Und unsere Ja-Umgebung bezieht sich nicht nur auf das Bewegen in unserer Wohnung, sondern auch auf Spielideen und Wünsche. Wenn ich mir überlege, dass unsere Frieda den ganzen Vormittag in der KiTa ohne Wenn und Aber kooperiert und sich ganz fabulös an die dortigen Regeln hält, wundere ich mich nicht, dass sie am Nachmittag gerne auch mal der alleinige Bestimmter sein will. Und doch weiß unsere Frieda mit ihren (fast) 4 Jahren mittlerweile natürlich sehr gut, was ein „Nein“ bedeutet und wie sich diese Ablehnung anfühlt. Ganz egal, was uns andere Menschen im Dunstkreis prophezeit und sich im Stillen gedacht haben. Natürlich ließ damals wie heute die Kritik an unserer wundervollen Ja-Umgebung nicht lange auf sich warten. Sie müsse ja auch mal Grenzen erfahren, sie müsse auch ein „Nein“ akzeptieren lernen und Konflikte aushalten. Ja, sicherlich gehört das auch irgendwie und irgendwann zum Großwerden dazu. Nur, dass die Welt und der Kontakt zu anderen Menschen schon von ganz alleine genug voller natürlicher Grenzen ist und ich nicht noch zusätzlich unzählige draufpacken muss. Konflikte, an denen ein Kind wachsen kann, gibt es trotzdem nämlich zu Genüge.

dann kommt der alltag dazwischen

Unsere bedürfnisorientierte Lebenseinstellung und unser Menschsein sind keineswegs idealisiert. Wir sind Menschen und uns kommt auch immer mal wieder der Alltag und unsere eigenen Emotionen in die Quere. Es läuft nicht immer alles rund und manchmal bin ich so genervt, dass ich auch mal ungerecht werde und lauter schimpfe.  Das ist dann dieser eine Tag – ein Tag wie heute – an dem ich mich in unserer wundervollen JA-Umgebung mindestens 100 mal „Nein“ sagen höre. Und spätestens abends im Bett spreche ich mit unserer Frieda über diesen einen Tag. Über das, was wir uns so alles gesagt haben, über die vielen „Neins“ und wie wir uns damit fühlten. Und dann kommen auch diese vier Worte, die mir so wichtig erscheinen. Es tut mir leid! Es kann nicht immer alles perfekt sein und das muss es auch nicht. Aber wir können uns wahrhaftig begegnen, wir können uns entwickeln und miteinander wachsen. Das ist Familie!

2 Comments

  • Oh je, du versuchst einen Handstand auf der Sülze. Abends den Tag mit dem Kind besprechen… damit scheint sie meiner Ansicht nach in diesem Alter überfordert zu sein. Es ist ja schön, dass ihr (und viele andere) andere Erziehungskonzepte ausprobiert. Letztendlich läuft es aber immer auf eins hinaus…das Leben. Und wenn sie da durch eure lieben Besprechungen und Abwägungen (die alle gut gemeint sind, keine Frage) nicht vorbereitet ist, dann geht es in die Hose. Das Aufwachsen eines Kindes kann man doch nicht zu einem „Elternprojekt“ machen. Es genügt völlig, wenn sie ausreichend Liebe erfährt und auch Wünsche äußern kann (die nicht immer erfüllt werden – logisch), um zu einem lieben und guten Menschen heranzuwachsen. Dafür brauchst du doch keine Bücher zu studieren…(Augenroll)… Und immer auf Augenhöhe – das kann nicht klappen. Die Eltern müssen immer sagen wo’s grob lang geht. Ein Kind bestimmen zu lassen, wann es schlafen und essen möchte, halte ich auch für falsch. Wahrscheinlich hast du diese Kritik schon 1000 Mal gehört und wirst dein Verhalten und dein Konzept nicht ändern. Es kann auch sein, dass ihr und sie das alles jetzt klasse findet, aber meiner Meinung nach rächt sich das irgendwann unweigerlich. Wünsche euch dennoch alles Gute.

  • Solche Tage kennen wir wohl alle und keine von uns fühlt sich danach gut. Aber alleine das reflektiere ist schon ein wichtiger Schritt. Ich versuche auch immer vor einem NEIN zu überlegen, ob es wirklich sein muss. Oder ob ich nicht doch JA sagen kann. Aber an schlechten Tagen, da überlege ich auch dann nicht ganz so viel und die NEINS rutschen viel schneller raus :/ Liebe Grüße, Alexandra

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