mein kind hört nicht

ALLTAGSGESCHICHTE Während drei Kinder noch ihre letzten Runden auf den Ponys durch die Halle geführt wurden, war für unsere Frieda die Kinderreitstunde an diesem Tag bereits beendet. Frieda aber kniete sich auf den Boden der Reithalle und zerdrückte in aller Seelenruhe einige Sandklumpen in ihren Händen. Als ich sie nach ein paar Minuten ansprach und ihr mitteilte, dass ich nun gerne gehen würde, reagierte unsere Frieda aber einfach gar nicht und knetete unbeirrt weiter. Zwei andere Mamas, die neben mir standen und das „Schauspiel“ mitbekamen, kommentierten das freundlich-mitfühlend mit Worten wie: „Da ist aber einer vertieft und hört nur das, was er hören will.“ Ich klärte die Situation nicht auf, sondern kniete mich neben unsere Tochter und berührte sie vorsichtig am Oberarm. Als sie mich lächelnd anschaute, wiederholte ich mein Anliegen. Sie hatte mich mal wieder nicht gehört…

Erkältungszeit und die Ohren leiden

Seit Weihnachten lag unsere Frieda immer wieder mal mit starken Erkältungen flach. Gefühlt wurde sie Husten und Schnupfen nie so richtig los und in den akuten Phasen kam auch hohes Fieber, manchmal sogar Ohrenschmerzen hinzu. Zuletzt kämpfte Frieda mit einem bakteriellen Infekt kurz vor einer Lungenentzündung und nach einer Woche Unterbrechung fing sie sich noch einen grippalen Infekt ein. Wieder und wieder ausgeknockt und die Ohren wurden abermals in Mitleidenschaft gezogen. Zuerst fiel mir auf, dass unsere Frieda in letzter Zeit viel lauter sprach, als wir es sonst von ihr gewohnt sind und irgendwann bemerkten wir ein immer häufigeres „Wie bitte? Was hast du gesagt?“ (Wer sich wundert, dem sei an dieser Stelle gesagt, dass Frieda uns tatsächlich in 90% der Fälle sehr freundlich darum bittet Gesagtes zu wiederholen. Ein „Häää?“ hören wir so gut wie nie.) Beim sogenannten Piloten-Hörtest beim Kinderarzt stellte sich dann heraus, dass unsere Tochter Gespräche und Geräusche nur bis ca. 50dB hören kann. Das sei schon eine sehr deutliche Hörminderung. Außerdem sah die Ärztin eine leichte Rötung im Ohr. Also ging es am Donnerstag ab zum HNO-Arzt zur genaueren Abklärung. In Friedas rechtem Ohr ist von den Erkältungen ein Paukenerguss zurückgeblieben, der zu dieser Schallleitungsschwerhörigkeit geführt hat und durch den Frieda im Moment rund 15% ihrer Hörfähigkeit einbüßt. Das Kind hört also das, was sie eigentlich gerne hören will, eben auch nicht.

Klassischer Fall von Schubladen

Und da haben wir mal wieder den klassischen Fall von Schubladendenken. Schublade auf, „Kind hört nur, was es hören will“ rein und Schublade zu. Niemand kommt auf die Idee, dass hinter Momentaufnahmen auch etwas anderes stecken könnte. In unserem Fall bemerkten die Damen übrigens noch nicht einmal, dass unsere Frieda nach meiner Berührung am Oberarm und der Wiederholung meiner Worte sofort aufstand und wir umgehend gehen konnten. Hand in Hand die Stallgasse entlang ab zum Auto.

Dieser Text soll auch mich selbst noch einmal mehr daran erinnern, dass es manchmal nicht so ist, wie es scheint. Dass manchmal mehr dahintersteckt. Vielleicht etwas, das wir nicht wissen können oder sollen. Diese Geschichte soll dich und mich einfach daran erinnern etwas weniger über andere Menschen zu urteilen und sie zu bewerten. Ich nehme mir das seit einiger Zeit sehr vor. Dabei begleiten mich immer auch einige Zitate aus der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg, dieses hier passt zu meinem Text im besonderen Maße:

>>Urteile (auch über mich selbst) sind ein tragischer Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse.<<

1 Comment

  • Auf jeden Fall sollte das Gehör immer untersucht werden wenn man den Verdacht hat dass was nicht stimmt, genau wie der Augenarzt Pflcht sein sollte. Bei Sprechschwierigkeiten steckt oft ein Ohrproblem dahinter – oder unter feinmotorischen Problemen die Augen (beides im Kiga bei anderen Kindern erlebt- wir gehen daher auch regelmäßig zum Augenarzt). In der Kur haben wir gelernt dass Kinder wie in einer Blase sind wenn sie ins Spiel vertieft sind und automatsch die Dinge/Sätze abprallen die jetzt den Spielfluss behindern – durch kommt nur was dem Kind gut tut. Das direkte ansprechen mit Körperkontakt, das Sichtbar werden hilft. Das lässt sich auch hier beobachten, nur rufen reicht oft nicht. Und in dem Fall ist es auch kein nicht hören wollen sondern nicht hören können 😉 Dann hoffe ich dass es Frieda bald wieder besser geht!

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