Ein Jahr Waldorfschule

ALLTAGSGESCHICHTE 

Längst wollte ich einen kleinen Rückblick zum 1. Schuljahr unserer Frieda an der hiesigen Waldorfschule verfassen. So viele von Euch haben seit dem Anmelde- bzw. Bewerbungsprozess mitgefiebert und viele Gespräche mit uns geführt oder mir Nachrichten geschrieben. War es wirklich eine so gute Entscheidung unser Kind als so junges, hochsensibeles Kann-Kind (von Dezember) einzuschulen? War die Waldorfschule mit ihrer besonderen Pädagogik tatsächlich eine gute Wahl für uns? Einen kurzen Bericht über die ersten 8 Wochen an der Waldorfschule könnt ihr hier auf dem Blog ja bereits finden und auch ein kleines Lebenszeichen aus unserem Waldorfhomeschooling im November, als Friedas Klasse wegen eines positiven Coronafalls für zwei Wochen in Quarantäne musste. Wer uns über Instagram folgt, der bekommt über unsere Storys sowieso unfassbar viele Einblicke in unseren Familienalltag und somit auch in alles rund um die Schule. Dort gibt es auch in unseren Highlights viele gespeicherte Waldorfsprüche und -spiele aus dem rhythmischen Teil zum Anschauen. Nun aber zum eigentlichen Rückblick…

kein Garant für eine Lovestory

Neulich im Reitstall erzählte ein Mädchen ganz freudig: „Nächste Woche habe ich endlich Ferien!“. Und ja, natürlich freuten auch wir uns hier auch auf die anstehenden Herbstferien. Klar. Wer mag Ferien denn nicht? Frieda freute sich aber nur auf das Ausschlafen und entgegnete dem Mädchen im Stall deshalb, dass sie total gerne zur Schule gehe und eigentlich gar keine Ferien bräuchte. Wenn das nicht mal eine Aussage ist. Ich kann es also eigentlich immer nur wiederholen: Unsere Frieda ist einfach nur glücklich und geht jeden Tag voller Freude in die Schule. Mit ihrer Klassenlehrerin haben wir den großen Hauptgewinn gezogen. Das kann man gar nicht anders sagen. Sie ist ein unfassbar toller Mensch, eine wunderbare Waldorfpädagogin, die die besondere Pädagogik durch und durch lebt und liebt und ist überaus engagiert und motiviert. Einfach toll. Denn man muss natürlich sagen, dass auch an der Waldorfschule alles mit der Lehrkraft steht und fällt. Der Name „Waldorfschule“ alleine ist niemals ein Garant für eine Erfolgsstory für dein Kind. Auch wir haben schon von einigen traurigen Erlebnissen an Waldorfschulen gehört und bekommen selbst an unserer Schule kleine und größere Leidensgeschichten mit. Manchmal ist ein Schulwechsel unabdingbar, weil es in manchen Fällen mit der Pädagogik und dem Blick auf das Kind doch nicht so stimmig ist. Oder man ist mit der Lehrperson vielleicht unzufrieden oder/und es passt einfach auch zwischenmenschlich nicht. Das alles kann natürlich sein! Insgesamt möchte ich allerdings behaupten (und ich bin ja selbst Lehrerin für Sonderpädagogik im Staatssystem und bin deshalb sehr vielen Lehrkräften begegnet!), dass man unter den Waldorflehrern prozentual sicherlich viel mehr Lehrer findet, die überaus toll arbeiten, einen individuellen Blick aufs Kind haben und eine wertschätzende Bindung und Beziehung zu „ihren“ Kindern und der Elternschaft aufzubauen pflegen. Bei unserer Frieda und uns ist also zum Glück eine absolute Erfolgs- und Lovestory auf ganzer Linie!

Hochsensibilität und Waldorf?

Warum wir uns trotz (oder gerade aufgrund) Friedas hochsensiblen Wesens für die Waldorfschule entschlossen haben, könnt ihr gerne nochmal im Beitrag Hochsensibel und Waldorfschule nachlesen. Auch nach über einem Jahr Waldorfschule steht fest: die festen Rituale und Strukturen geben Frieda totale Sicherheit, das Lernen macht ihr unglaublich großen Spaß und sie hat sehr schnell Freundinnen gefunden. Die große Klassenstärke von 30 Kindern (und mehr) in einer Waldorfschule kann, aber muss für hochsensible Kinder nicht zwangsläufig zu einer Überforderung oder Überreizeung führen. Ganz im Gegenteil. Mit vielen Kindern in der Klasse ist natürlich viel „Leben in der Bude“ und es ist sicherlich oft wuselig, aber deshalb noch lange nicht zu laut oder zu voll für Frieda. Die Klassenlehrerin hat ihre geliebte Bande super „im Griff“. Im Arbeitsteil des Hauptunterrichts ist es sogar so geschäftig leise, dass man manches Mal eine Stecknadel fallen hören könnte. Nach über einem Jahr an der Waldorfschule hat sich unsere Frieda von einem hochsensiblen, stillen und introvertierten „Mäuschen“ zu einem mutigen, selbstbewussten und manchmal sogar frech-forschen kleinen Freigeist verändert. Nein, verändert wäre ntürlich falsch formuliert. Tief in ihr schlummerte ja ihr wahres Wesen ohnehin schon immer und hier zu Hause sind wir diesem wunderbaren Menschsein auch immer begegnet. In anderen Settings, vor allem in der KiTa, zeigte sich unsere Frieda aber stets ganz anders. So anders, dass es ihr so manches Mal schon als Defizit angekreidet wurde. Zum Glück sind diese Zeiten vorbei. Endlich wird sie richtig mit ihrem Wesen wahrgenommen und Frieda ist absolut angekommen, angenommen und unendlich glücklich.

Begabung und Waldorf?

Unsere Frieda interessierte sich schon sehr früh für Zahlen und Buchstaben und konnte auch schon vor der Einschulung recht flüssig lesen. Sie ist in einigen Bereichen besonders begabt, in anderen hochbegabt. Ob da die Waldorfschule überhaupt die richtige Schulwahl ist? Wird dort nicht viel langsamer gelernt? Ich habe viel gelesen und recherchiert. Ich habe viele Gespräche geführt und doch spürte ich, dass Friedas Begabungen und ihre intrinsische Lernmotivation nur zum Ausdruck kommen würden, wenn sie in einem für sie passenden Umfeld lebt und lernt. Alle Sorgen, dass sie sich in der Schule höchstwahrscheinlich langweilen würde, weil sie ja schon lange lesen könne, waren weit gefehlt. Die Kann-Kind-Einschulung mit 5 1/2 Jahren war einfach die beste Entscheidung, die wir (und damit meine ich nicht nur uns als Eltern, sondern vor allem auch das Auswahlgremium der Schule und Friedas Klassenlehrerin, die zu unserer Frieda „JA“ sagten) gemeinsam treffen konnten. Sie langweilte sich nicht ein einziges Mal. Das Kennenlernen der ersten Buchstaben und der dazugehörigen Laute wurden, wie eben an der Waldorfschule sehr üblich, im Rahmen einer Geschichte eingeführt. Die Geschichte berührte sie wahrhaftig und die von der Klassenlehrerin gewählten Aufgaben zu den gelernten Buchstaben ließen IMMER den Raum für die nötige Differenzierung. Im Zeugnis (das übrigens so eine wundervolle und wertschätzende Beschreibung ihres Wesens und ihrer Lern- und Leistungsentwicklung ist) stand: “ […] Mit Frieda betrat ein Kind die 1. Klasse, das auf dem Papier noch sehr jung war, aber weder körperlich noch emotional in der ersten Klasse auffiel. Ganz im Gegenteil: In vielen Bereichen war sie ihren Klassenkamarad:innen voraus. Sämtliche kognitive Inhalte erfasste sie mit Leichtigkeit, sämtliche bildhaften Unterrichtsinhalte erfasste sie mit Freude. […]“. Perfekter kann man es nicht auf den Punkt bringen. Und der Zeugnisspuch passt unfassbar gut:

Wenn die Sterne golden strahlen,

leuchten über Feld und Bäume;

Wenn ich schlafe, leise malen

Himmelslichter in meine Träume,

spür ich, wie mich sanft berühren,

Engelshände, Gott ergeben,

die mich leiten, die mich führen,

die mir helfen, froh zu leben.

Frieda lernt mit ihren Lehrern gemäß ihrer Entwicklungsstufe, bekommt angemessenen Input in einem tollen Sozialgefüge und beschäftigt Kopf, Herz und Hand. Was für ein Geschenk! Möge sich unsere Frieda ihre Freude, den Lerneifer und die Leichtigkeit im Lernen noch lange erhalten und in der Waldorfschule glücklich bleiben. Das wünsche ich ihr von ganzem Herzen.

Begeistert von der Waldorfpädagogik

Je mehr ich von der besonderen Pädagogik der Waldorfschulen mitbekomme, desto begeisterter bin ich. Nicht nur als Mama, sondern auch als Lehrerin. Der sehr wertschätzende Umgang, den wir dort erfahren,  der individuelle Blick auf unser Kind und vor allem das bewegte Lernen mit Kopf, Herz und Hand unter Berücksichtigung der ganzheitlichen Ausrichtung hat mich wirklich so sehr überzeugt, dass ich mich für eine berufsbegleitende Weiterbildung zur Waldorfklassenlehrerin beworben habe. Wenn also alles klappt, werde ich Euch ab Januar 2022 von meiner 2 1/2 jährigen Ausbildung berichten können. Ich freue mich schon sehr darauf, zunehmend immer mehr Elemente der Waldorfpädagogik in meinen eigenen Schulalltag als Sonderpädagogin an einer inklusiven Grundschule einfließen lassen zu können.

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