wann kinder (nicht) üben können

ALLTAGSGESCHICHTE Was man als Eltern nicht alles mit seinen Kindern üben sollte oder zumindestens könnte. Ach, herrje. Die Liste ist lang und wird, je älter das Kind ist, scheinbar auch immer länger. Gerade im Vorschulalter kommt bei den Eltern schnell Nervosität auf und es wird die richtige Stifthaltung, das Binden der Schleife, das Schwimmen, das Lesen und der Schulweg geübt. Der gesellschaftliche Druck steigt spürbar, sich davon komplett freizumachen ist wahrlich eine Meisterleistung. Man schaut doch oft nach links und rechts, was andere Kinder schon können oder machen und dann gibt es ja tatsächlich auch noch diese Untersuchungen beim Kinderarzt, beim Schulamtsarzt und auch die Schuleingangsuntersuchung in der Schule, bei der die Reife des Kindes festgestellt werden soll. Und auch wenn man sich selbst bis zu diesem Zeitpunkt wirklich so ziemlich frei gemacht hat von diesem schrecklichen „Langsam müsste mein Kind aber mal…“, dann kommen hier außenstehende Menschen, die dein Kind anhand irgendwelcher Kriterien einstufen und bewerten.

Alles keine Sache des Trainings

Aber schon Jahre bevor der Gedanke an Vorschule oder Einschulung überhaupt aufkeimt, musste das Kind ja schon einige Entwicklungsziele erreichen, die viel mehr für die anderen Leute als für das Kind selbst wichtig erschienen. Das Abstillen, die Entwöhnung des Schnullers, das Ein- und Durchschlafen und sowieso das gemeinsame Schlafen im Familienbett, das Trockenwerden am Tag und auch das in der Nacht, sind ja zum Beispiel immer wieder so riesengroße Fragen. Bei diesen Themen trauen sich selbst entfernte Verwandte in einer total distanzlosen Weise  die alles entscheidenden Fragen zu stellen. „Kann dein Kind schon?“. Und auch hier wird das Kind dann bewertet und die Eltern, in den meisten Fällen wohl die Mama, dann gleich mit. „Das müsste sie aber mit dem Kind längst geübt haben. Alles eine Sache des Trainings.“ Nicht umsonst gibt es all diese Trainings und Belohnungssysteme: Toilettentraining mit Smileysammeln, Klingelhosen in der Nacht, Schnullerbaum mit Geschenk der Schnullerfee und weitere Wenn-Du-das-schaffst-dann-bekommst-du-was-Tolles-Modelle. Dabei gibt es nunmal einfach Dinge, die man zwar (mit Druck?) üben kann, das Üben am Ende aber dann doch nicht viel nützt, weil das Kind einfach noch nicht reif genug ist und die Voraussetzungen schlichtweg noch nicht mitbringt. Zwei einfache Beispiele: Wenn das Kind den Stift, trotz deiner „Korrektur“ und Hinweise, immer und immer wieder im Faustgriff anfasst, dann ist es vielleicht einfach noch nicht so weit. Und wenn du deinem Kind das Toilettentraining von außen aufdrückst, weil du meinst, dass der Zeitpunkt nun gekommen sein müsse, dann passieren genau deshalb ganz sicher noch viele Pipi-Unfälle bis dein Kind reif dafür ist die Windel wirklich wegzulassen! Und genauso ist es eben mit dem Laufen, dem Sprechen, dem Schwimmen, dem Radfahren, dem Schleifebinden, dem Lesen und Schreiben und dem was-weiß-ich-noch-alles. Man muss nicht aktiv handelnd zu diesen ganzen Prozessen beitragen – sie kommen von ganz alleine. Irgendwann. Und dann kann man üben. Einzige weitere  Voraussetzung: Das Kind hat auch Lust dazu. 🙃 Denn mit Druck, Zwang und Müssen, wird es für das Kind eine Qual und die intrinsische Lernmotivation fällt nunmal in sich zusammen!

Gras wächst auch nicht schneller,…

Ihr kennt den Spruch. Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Üben bringt also nur was, wenn das Kind wirklich reif dafür ist diese Sache zu beherrschen. Klar, wir Eltern sind stolz, wenn unsere Kinder interessiert durch die Welt gehen, viel wissen und können. Und – Hand aufs Herz –  wenn sie in manchen Bereichen dann noch deutlich schneller, pfiffiger und fitter sind. Wenn das eigene Kind große Meilensteine erreicht, ist das etwas ganz besonders Großes und Tolles. Wir sind und waren auch wahnsinnig stolz und glücklich über Friedas sehr frühe Erreichen von Entwicklungsschritten, am glücklichsten war aber natürlich unser Mini-Menschen-Mädchen. Und obgleich bestimmt der ein oder andere denkt, dass ich sicherlich eine sehr übereifrige Mama bin, die ihre Tochter in jeder freien Minute zum Üben drängt, kann ich mit besten Gewissen behaupten, dass jedwede (Lern-)Motivation ganz alleine in unserer Frieda selbst heranwächst. Egal, ob es das Essen, das Schlafen, die Windel oder den Lese- und Schreiblernprozess unserer Frieda betrifft, sie entscheidet wenn ihre Zeit reif und gekommen ist. So leben wir als Familie seit jeher. Ja, tatsächlich. Wir haben von uns aus nie gesagt oder sie gefragt, ob „wir“ denn mal probieren wollen die Windel wegzulassen. Wir haben ihr nie die Geschichte von der Schnullerfee erzählt, ihr einen Punkteplan schmackhaft gemacht oder Geschenke für einen Meilenstein angeboten. Wir haben nie etwas vorab trainiert und geübt, sondern immer gewartet bis von unserer Frieda der Wunsch aufkam es zu können und für uns ein Reifezeichen vorhanden war. Alles was Frieda bisher kann, das wollte sie auch lernen und üben! Tatsächlich war und ist sie in diesen ganzen Bereichen sehr flott unterwegs und dabei ausgesprochen ehrgeizig und motiviert. Darüber sind wir froh und darauf natürlich überaus stolz.

[Jeder Mensch ist anders, so auch jedes introvertiert hochsensible und besonders begabte Kind. Es gibt wahnsinnig viele Facetten von Hochsensibilität und Begabung, unsere Erfahrung und Meinung muss also nicht zu eurer Familie und eurem Kind passen.]