wenn der spagat dich zerreißt

spagat1Montag war ein Scheißtag. So ziemlich durch und durch. Die ganze Geschichte des Montags begann aber schon an dem Montag davor. An jenem Montag ging es unserem kleinen Mini-Menschen-Mädchen nämlich ziemlich miserabel. Sie wollte ausschließlich getragen werden, jammerte und weinte immer wieder und schlief gegen 9 Uhr morgens nochmal ein. In der Trage wohlgemerkt. Da ich montags unterrichtsfrei habe und „nur“ mittags für drei Stündchen zum Team und für die Lehrerkonferenz in die Schule fahre, rief ich dort an und entschuldigte mich. Unsere Frieda brauchte mich einfach. Klare Sache! Wir verbrachten einen gemischten Tag mit einigen wunderschönen Hochphasen und zahlreichen Phasen, die auch gerne gestrichen werden können in unseren vier Wänden. Natürlich fühlte es sich für mich nur mittelprächtig an, mich (mal wieder) für mein Fehlen auf der Arbeit zu entschuldigen. Alle Workingmums, die ihre Zeit nicht selbst einteilen können, kennen das. Das Wohlergehen unseres Kindes geht aber natürlich immer vor. Trotzdem bleibt ein schlechter Beigeschmack, das einem schlechten Gewissen sehr ähnelt. Wenn es nicht so oft vorkommt, geht’s ja auch noch… In der restlichen Woche war bei uns dann auch alles wie immer…

Am vergangenen Sonntag dann bahnte sich aber leider wieder schlechte Laune an. So richtig konnte man Frieda nichts recht machen. Sie wollte nicht spielen, kaum Essen, nicht schlafen, nicht rausgehen, aber auch nicht drin bleiben. Sie weinte und jammerte zwischendurch. Es schien Frieda einfach nicht gut zu gehen. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Gegen Abend machte sich dann auch noch eine leicht erhöhte Temperatur breit. Guido und ich verabredeten bereits dann, dass er am nächsten Tag zu Hause bleiben spagat3wollte, wenn es unserer Tochter noch nicht besser gehen würde. Ich wollte, sollte, durfte ja eigentlich nicht schon wieder in der Schule fehlen. Nicht schon wieder der Konferenz-Montag. Ich fuhr dann also mit einem miesen Gefühl los, als Frieda mittags endlich eingeschlafen war. In Gedanken war ich immer bei unserer kleinen Prinzessin und in der Schule angekommen, sah man mir wohl Stimmung und Gefühlszustand deutlich an. Abschalten und mich auf die Arbeit konzentrieren, über Fördergruppen einzelner Schüler sprechen und mir jetzt Gedanken zum kommenden Schuljahr machen? Fehlanzeige! Sowieso scheiterte unsere Planung dann, denn Guido rief mich nach gut einer Stunde an, dass unser Mini-Menschen-Mädchen so voller Verzweiflung nach mir weinen würde, dass ich bitte schnell nach Hause kommen solle. Kranke Kinder brauchen nunmal ihre Mama am allermeisten. Da nützt auch kein super Betreuungsnetz, Großeltern um die Ecke oder ein sich wirklich gut kümmernder, aufopfernder Superpapa. Ich ließ selbstverständlich sofort alles stehen und liegen bzw. meine Kollegen einfach ohne mich sitzen und machte mich auf den Weg nach Hause. Den Tag überlebten wir drei dann irgendwie. Ganz viel Zeit verbrachten Frieda und ich am Schreibtisch beim Malen im „Krabbelkäfer-Malbuch“. Wir hörten dabei Hörspiele und unsere neue Kindermusik. So war unser Mini-Menschen-Mädchen abgelenkt und ich entspanne beim Ausmalen ohnehin sehr gut. Tag gemeistert. Am Dienstag blieben Frieda und ich dann aber auch noch zu Hause. Auskurieren, denn so richtig fit war sie noch nicht.

Da macht man ja ohne krankes Kind schon jeden Tag einen riesengroßen Spagat zwischen Arbeit und Familie. Irgendwie bekommt man dann auch alles unter spagat2einen Hut, obwohl man manchmal nicht weiß, wo einem der Kopf steht. Die Tage sind getaktet und total durchorganisiert. An vielen Tagen lebt man sowieso irgendwie am Limit, kann eigentlich nicht mehr leisten, als man schon leistet und legt trotzdem noch eine Schippe drauf. Man ist erschöpft, gehetzt und versucht mit dem richtigen Zeitmanagement den Spagat zwischen Familie und Beruf hinzukriegen. Abends hat man dann entweder keine Zeit oder keine Kraft mehr für die Partnerschaft oder die Me-Time. Wenn dann das Mini-Menschen-Kind aber auch noch krank wird, dann droht der Spagat einen förmlich zu zerreißen. Wir müssen, wollen und werden für unser Kind da sein. Da gibt es keine Widerrede. Wir werden es trösten, wiegen, halten, tragen, küssen, lieben, gesund pflegen und einfach da sein. Trotzdem plagen wir berufstätige Mütter uns dann noch viel zu sehr mit einem schlechten Gewissen und fiesen Schuldgefühlen herum. Es fällt uns leider immer noch zu schwer uns den Anforderungen der Gesellschaft zu entziehen und uns mit einer Selbstverständlichkeit „krank“ zu melden. Wir fehlen auf der Arbeit, Kollegen müssen einspringen, unsere Aufgaben vielleicht noch zusätzlich übernehmen, unser Fehlen muss aufgefangen werden. Wir leben so oder so schon im Spannungsfeld zwischen Alltag, Familie und Beruf und sehen der ständigen Herausforderung tief in die Augen. Wenn das Mini-Menschen-Kind dann kränkelt, ist ein nahezu hundertprozentiges Engagement in beiden Lebensbereichen noch weniger möglich. Am Ende kann man sich als Mama nur für das Wohlergehen des Kindes entscheiden. Du kannst dich entweder von Schuldgefühlen auffressen lassen oder das schlechte Gewissen ganz einfach zum Teufel zu jagen. Wenn das nur immer so leicht wäre.

9 Comments

  • Hallo
    Dein Artikel ist super und beschreibt wie es mir die letzten Monate seid dem Wiedereinstieg in den Job nach der Elternzeit ging.
    Weil bei uns auch der Papa krank ist. Bei mir hieß es dann vor 14 Tagen nichts geht mehr. Aus der ständigen Überlastung hat sich eine Depression entwickelt.
    Liebe Grüße
    Desiree

  • Ja, das kenne ich nur zu gut. Anfang diesen Jahres hatten wir hier erst Erkältungen am laufenden Band, dann Mittelohrentzündung und zum Schluss noch Lungenentzündung. Meine zehn Arbeitstage, die ich mit Mutter-Kind Krankenschein fehlen darf, waren glaub ich schon Mitte Februar futsch. Und mein schlechtes Gewissen? Ganz schlimm. Dabei gab es gar keine andere Möglichkeit als bei der kleinen Maus zu sein. So ist das nun mal mit Kindern.
    Ich versuche auch das jetzt lockerer zu sehen, aber kurz nach meinem Wiedereinstieg in den Job war es echt hart. Die Kleine war sooo oft krank. Damit hatte ich irgendwie auch gar nicht gerechnet, da sie bis sie eins war eigentlich nie etwas hatte. Außer mal nen Schnupfen. Aber das kommt, wenn die Kleinen plötzlich aus der sicheren Familienwelt in die Bazillen-Schleuder-Tageseinrichtungen kommen 😉
    Ganz liebe Grüße,
    Nätty

  • Ich studiere und habe einen autistischen Sohn und wie sehr kenne ich diese Gefühle dennoch. Der Sapgat zwischen Unipräsenz, lernen, Kind, Therapien vom Kind ist schon ziemlich heftig. Richtig übel wurde es als ich nebenbei mein Pflichtpraktikum machte. 6 Monate neben dem Studium und allem anderen noch arbeiten. Entwedre war ich an der Uni oder auf der Arbeit oder bei Therapien mit dem Sohn, abends kochen, Hausaufgaben kontrollieren, Sohn ins Bett, Lernen. Am Ende konnte ich gar nichts mehr und musste wieder zurückrudern und Ruhe gewinnen. Nun habe ich ne Zwangserholungspause, da mein Körper seit Wochen total angeschlagen ist und die Ärzte nicht richtig untersuchen und dennoch ist und bleibt es ein Spagat gerade. Schmerzen und Kind und eigentlich auch Studium unter einen Hut zu bekommen ist heftig. Aber ich habe zumindets weider gelernt, dass bei all dem Spagat Achtsamkeit auf sich Selbst wichtig ist.

  • Nun, leidtragend sind Kind und Eltern, aber natürlich auch Kollegen und nicht zu vergessen, die Schüler , deren Lehrerin dann keinen Kopf gür ihren Job hat und deren Förderpläne dann zweitrangig sind für die Lehrerin. Obwohl es aber auch wichtig und maßgeblich ist für ihre schulische Laufbahn und somit ihr späteres Leben ist. Insofern wird es immer ein Spagat bleiben und auch mit schlechtem Gewiisen verbunden, denn wenn wir mal ganz ehrlich sind, wir berufstätigen Mütter, dann werden wir bezahlt für einen Job- auch nicht unbedingt schlecht, den wir aber dann aber in solchen Situationen wie oben beschrieben dann halbherzig machen – siehe „kein Kopf für den Förderbedarf einzelner Schüler“ und letztlich unser Modell Kind und Karriere auf dem Rücken anderer austragen, z.b. dem der Schüler. Unter diesem Aspekt betrachtet, erscheint es doch schon logisch , dass man ein schlechtes Gewissen hat. Es ist immer eine Sache des Blickwinkels

  • Schuldgefühle sind doch doof und können dich noch ganz krank machen… Für mich steht auch immer das Wohl der Kinder an erster Stelle, aber bislang habe ich noch nicht viele Tage in der Schule deswegen fehlen müssen. Meine Kleinen waren als Babys/junge Kleinkinder oft krank und sind jetzt im Kindergartenalter/Grundschulalter viel robuster.
    Da ich auch nur Fachunterricht gebe und deswegen viele Einzelstunden habe, fällt es nicht so schwer, mich zu vetreten. Auch wenn ich bei Konferenzen fehle, ist das nicht ganz so tragisch, denn wir führen ganz genau Protokoll und so kann sich jeder abwesende Kollege recht gut ein Bild machen.
    und was die Sache mit den Förderkindern anbelangt… Ja das kenne ich, denn ich habe auch ein Kind gefördert, das niemand anders fördern konnte. Aber auch ich bin nur ein Mensch und wenn ich ausgefallen wäre, hätte ich die Förderung nachgeholt. Denn ein Mangel an Förderung auf meinem Rücken hätte ich auch nicht haben wollen. Es schlagen halt immer zwei Herzen in der Brust einer Pädagogin wenn sie Mutter ist: Liebe zu den Kindern und Verbundenheit zu den Schülern.
    Ganz liebe Grüße
    Yvonne

  • Schöner Beitrag und macht mir Hoffnung, für die Zeit ab September. 🙂 Da geht Lotti das erste mal in die Krippe. Aber weißt du was ein entscheidender Punkt ist? Ich glaube, wenn man für sich die Prioritäten richtig setzt ( wie du es machst), dann ist es wirklich nur ein kleiner, übler Beigeschmack und kein fieses schlechtes Gewissen. Bei der Großen hatte ich am Anfang IMMER ein schlechtes Gewissen, aber von Jahr zu Jahr hab ich einiges dazugelernt. Diese Zeit, in der uns unsere Kinder brauchen, gerade wenn es ihnen nicht gut geht, wird in der Form nicht wieder kommen und ich bin der Meinung, dass diese Zeit die Kids sehr prägt.
    Aber ich verstehe absolut was du meinst, zumal ihr auch nicht sagen könnt „hömma oma, kannste mal?“

    Sei lieb gegrüßt
    Tina

  • Ich kenne das auch zu gut und dieses Gefühl anzurufen, um sagen zu müssen, dass man nicht kommen kann ist furchtbar ekelig – aber wie du schreibst, die Mäuse gehen einfach vor!

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