stark und zerbrechlich

ALLTAGSGESCHICHTE Seit gut drei Wochen schallt uns Eltern mehrmals täglich ein „Über mich entscheide nur ich“ oder wahlweise ein „Das sind meine XY und deshalb bestimme nur ich darüber!“ entgegen. Laut und harsch. Dazu ein grantiger Blick und manchmal auch der erhobene Zeigefinger. Von wem sie den nur hat? Warum sollte es mit einem selbstbestimmten Kind von fast 4 1/2 Jahren aber auch anders sein, wenn wir doch so lange daraufhin „gearbeitet“ (gemeint ist natürlich bedürfnis- und bindungsorientiert begleitet) haben, dass unsere Frieda zunehmend ihre eigenen Interessen selbstbewusst vertritt. Dass Guido und ich da jetzt die ersten Versuchskaninchen sind, an denen sie ihre entdeckte Stärke ausprobiert, ehrt uns. Was erstmal toll klingt, ist für uns Eltern wieder mal eine Phase, in der wir an unsere Grenzen gehen. Ich zumindestens bin im Moment oft am Limit. Frieda ist gerade so stark wie ein Löwe und im nächsten Moment so zerbrechlich wie die Flügel eines Schmetterlings. Es ist gerade ein extrem kräftezehrendes Unterfangen.

freud und leid liegen so nah beieinander

>>Nach der Phase, ist vor der Phase.<< Mensch, was für ein blöder Spruch! Schon in den ersten Wochen mit dem schreienden Frieda-Baby habe ich ihn 1000 mal gehört oder gelesen und sofort für doof befunden. Obgleich er natürlich irgendwie auch stimmig ist und die Die aktuellste Phase ist (gefühlt) immer die anstrengendste. Kinder wachsen und der nächste Entwicklungsschub lässt nicht lange auf sich warten. Begleitet werden so große Schritte oft von einem heftigen Gefühlschaos. Unsere Kinder können natürlich weder begreifen noch benennen welcher Sturm da gerade in ihnen tobt und auch wir Erwachsenen können meistens erst rückblickend sagen, dass unser Mini-Menschen-Kind wieder einen riesigen Schritt nach vorn gemacht hat. In der Phase selbst fühlt es sich nämlich eher wie drei Schritte rückwärts an. Bei uns jedenfalls! Während unsere Frieda uns im Moment mehrmals täglich wie ein Löwe anbrüllt und uns sehr selbstbewusst ihre Meinung entgegenschmettert, erlebt sie im nächsten Augenblick einen absoluten Zusammenbruch, weil… Ja, warum eigentlich? Es sind vor allem Tätigkeiten, die sie längst schon kann, zur Zeit aber wohl nicht die nötige Ruhe und Ausdauer hat, um sie selbstständig auszuführen. „Ich kann das nicht“ schallt es in meinem Ohr und jeder Versuch ihr zu sagen, dass sie es sehr wohl kann und dass sie an sich glaube soll, scheitert kläglich. Schuhe anziehen und die Schleife binden, Karabiner der Hundeleine einklinken, das heruntergerutschte Sitzkissen wieder über die Sitzfläche ihres Kinderstuhls stülpen, die fast leere Zahnpastatube ausdrücken. Oder es drückt einfach nur der Zopf beim Aufsetzen des Fahrradhelms. In unseren Augen sind es „nur“ Kleinigkeiten, die sich schnell lösen lassen, in Friedas Augen bricht aber eine ganze Welt zusammen.

mama, der fels in der brandung

Das Trösten und Begleiten dieser Gefühlsausbrüche nimmt im Moment unglaublich viel Raum ein. Es kostet Zeit und enorm viel Kraft gute Lösungen zu finden und es gelingt mir sicherlich auch nicht immer gut. Frieda hängt auch gerade wieder sehr an mir. Papa ist eher abgemeldet, darf nichts, kann nichts und soll nichts. Entlastung Fehlanzeige, obwohl Guido sich immer wieder anbietet und unserer Frieda wirklich schöne Angebote macht. In dieser Zeit fühle mich am Limit, ja. Aber ich bin überzeugt davon, dass es das wert ist. Und so arbeiten wir gemeinsam daran, dass wir alle unsere sehr unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen Hut bekommen und keiner auf der Strecke bleibt. Kein Kind braucht ausgelaugte Eltern, ja! Aber sie brauchen eben auch Bindungspersonen, die ihre Felsen in der Brandung sind. Menschen, die sie bedingungslos lieben und sie in alle schwierigen Phasen ihres noch so jungen Lebens annehmen und begleiten. In dieser Zeit wachsen wir also wieder einmal sehr aneinander und miteinander.

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